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Fast 180.000 Euro für die große Liebe – doch der Mann auf Tinder wollte nur ihr Geld

27. Okt 20265 Min. Lesezeit

Eine neue Bekanntschaft auf Tinder, große Gefühle und sogar das Versprechen einer gemeinsamen Zukunft. Für eine Unternehmerin aus dem Raum München begann Ende 2024 eine vermeintliche Liebesgeschichte. Wenige Monate später waren fast 180.000 Euro weg.

Vor dem Amtsgericht München fand diese Geschichte nun ihr vorläufiges Ende. Ein 44-jähriger Mann wurde wegen Betrugs in 90 Fällen zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Außerdem soll er den entstandenen Schaden von 178.900 Euro zurückzahlen.

Der Fall zeigt eindrücklich, wie sogenanntes Love Scamming funktionieren kann. Dabei geht es nicht um einen gewöhnlichen Betrug mit einer falschen Rechnung oder einem erfundenen Online-Shop. Die eigentliche Waffe ist Vertrauen.

Kennengelernt auf Tinder – dann ging alles sehr schnell

Ende 2024 lernte die Frau den späteren Angeklagten auf Tinder kennen. Der Mann trat dort unter einem falschen Namen auf. Zwischen beiden entwickelte sich nach Darstellung der Anklage eine Liebesbeziehung, die ausschließlich digital geführt wurde.

Der 44-Jährige stellte sogar eine Heirat in Aussicht. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft war die angebliche gemeinsame Zukunft jedoch von Anfang an Mittel zum Zweck. Die emotionale Bindung sollte dazu führen, dass die Frau ihm Geld überweist.

Und das funktionierte erstaunlich schnell.

Schon zwei Tage nach dem Kennenlernen flossen die ersten 100 Euro. Angeblich benötigte der Mann das Geld zum Tanken. Danach folgten immer neue Bitten und Begründungen. Mal sollte Geld für ein Hotel gebraucht werden, mal für Zollgebühren und mal für den Hund.

Aus einzelnen Überweisungen entwickelte sich innerhalb weniger Monate eine gewaltige Summe.

90 Überweisungen in weniger als einem halben Jahr

Zwischen November 2024 und April 2025 überwies die Unternehmerin insgesamt 90 Mal Geld. Die einzelnen Beträge lagen zwischen fünf Euro und 3.500 Euro.

Am Ende summierten sich die Zahlungen auf 178.900 Euro.

Gerade diese Entwicklung macht deutlich, warum Love Scamming so gefährlich sein kann. Ein Betrüger muss sein Opfer nicht unbedingt mit einer einzigen spektakulären Geschichte zu einer riesigen Zahlung bewegen. Viele kleinere Forderungen können sich schrittweise steigern.

Wer emotional bereits stark in eine Beziehung investiert hat, bewertet die nächste Bitte um Geld möglicherweise ganz anders als ein Außenstehender. Aus 100 Euro zum Tanken können weitere Zahlungen werden – und irgendwann geht es um Summen, die die wirtschaftliche Existenz bedrohen.

Genau diese Folgen schilderte die betroffene Frau vor Gericht sehr deutlich: „Es war eine sehr emotionale Zeit für mich“, sagte sie. „Der Schaden war groß. Ich hatte Angst, mein Geschäft zu verlieren.“

Auf die Frage der Richterin, wie es ihr heute gehe, antwortete sie knapp: „Nicht gut.“

Geständnis gegen begrenzten Strafrahmen

Im Prozess verständigten sich Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung auf ein Vorgehen, bei dem ein Geständnis berücksichtigt wurde und zuvor ein möglicher Strafrahmen feststand. Danach kam eine Freiheitsstrafe zwischen zwei Jahren und sechs Monaten und zwei Jahren und elf Monaten in Betracht.

Der Verteidiger räumte für seinen Mandanten die Vorwürfe ein. Als Hintergrund wurden eine Spielsucht und erhebliche Schulden genannt. Ein Teil des Geldes sei außerdem für die „allgemeine Lebensführung“ ausgegeben worden.

Der Angeklagte war zudem kein Unbekannter für die Justiz. Nach Angaben aus dem Verfahren war er in den vergangenen 20 Jahren bereits mehr als ein Dutzend Mal verurteilt worden, unter anderem wegen Diebstahls, Körperverletzung und insbesondere wegen Betrugs.

Seit April 2025 befand er sich in Untersuchungshaft.

„Ich werde dir alles zurückzahlen“

Im Gerichtssaal trafen Täter und Opfer schließlich unmittelbar aufeinander. Zunächst vermied der Angeklagte offenbar den Blickkontakt. Später wandte er sich an die Frau.

„Ich will mich bei dir entschuldigen“, sagte er. Außerdem erklärte er: „Es war nie meine Absicht, dass es so weit kommt.“

Er kündigte an, Verantwortung übernehmen zu wollen: „Ich werde dir alles zurückzahlen.“

Das Amtsgericht München verurteilte den 44-Jährigen schließlich zu zwei Jahren und neun Monaten Freiheitsstrafe wegen Betrugs in 90 Fällen. Hinzu kommt die Verpflichtung, die 178.900 Euro zurückzuzahlen.

Die Richterin brachte den entscheidenden Punkt des Falls in einem Satz auf den Punkt: „Sie haben das Vertrauen einer Frau ausgenutzt, die Ihnen vertraut hat“.

Genau dieses Vertrauen ist beim Love Scamming der entscheidende Hebel. Erst entsteht emotionale Nähe, dann folgen Bitten um Geld. Warnzeichen können ständig neue finanzielle Notlagen, widersprüchliche Angaben oder das dauerhafte Vermeiden persönlicher Treffen sein. Besonders aufmerksam sollte man werden, wenn eine Online-Bekanntschaft schon nach kurzer Zeit große Gefühle äußert und gleichzeitig Geld verlangt.

Wer Zweifel bekommt, sollte weitere Zahlungen stoppen und Nachrichten sowie Zahlungsbelege sichern. Denn der Schaden kann weit über das verlorene Geld hinausgehen. Die betroffene Unternehmerin berichtete vor Gericht, dass sie anderen Menschen inzwischen deutlich misstrauischer begegne.

Der kritische Blick von Recht 24/7

Bei Love Scamming wird schnell gefragt, wie ein Opfer so viel Geld an einen Menschen überweisen kann, den es nur aus dem Internet kennt. Doch diese Frage trifft den Kern des Problems nicht.

Wer über Monate Gefühle vorspiegelt, Zukunftspläne entwirft und Vertrauen gezielt in Geld verwandelt, macht emotionale Nähe zum Geschäftsmodell. Genau das macht Love Scamming so perfide.

Der Münchner Fall sollte deshalb weniger Anlass sein, über die vermeintliche Gutgläubigkeit des Opfers zu urteilen. Interessanter ist die Frage, wie leicht sich Vertrauen im digitalen Raum aufbauen – und anschließend ausnutzen – lässt. 178.900 Euro lassen sich beziffern. Was ein solcher Betrug mit dem Vertrauen eines Menschen macht, nicht.

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