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Aktenstau ohne Ende: Warum Deutschlands Strafjustiz gerade gefährlich ins Schlingern gerät

17. Feb 20263 Min. Lesezeit

Bild: Garun.Prdt / Shutterstock.com

Es klingt wie ein schlechter Witz, ist aber bitterer Ernst: Während draußen Täter ermittelt werden, bleiben drinnen in Behörden und Gerichten immer mehr Fälle liegen. Nicht ein bisschen, sondern in Größenordnungen, die ein System langsam aus dem Takt bringen. Richterbund und Polizeigewerkschaft warnen deshalb öffentlich vor einem Kipppunkt – und diesmal ist das keine übliche Jammer-Runde, sondern ein Blick auf Zahlen, die man nicht wegwischen kann.

Eine Million offene Fälle – wie kommt so etwas zustande?

Die Staatsanwaltschaften bekommen seit Jahren eine enorme Menge neuer Verfahren auf den Tisch. Für 2025 wird erneut von rund 5,5 Millionen neu registrierten Strafsachen gesprochen – zum dritten Mal in Folge in dieser Liga. Das eigentliche Problem ist aber der Rückstau: Zum Ende des Jahres 2025 soll erstmals die Marke von einer Million unerledigter Vorgänge überschritten worden sein.

Zum Vergleich: Vor wenigen Jahren lag die Zahl deutlich niedriger. Der Sprung nach oben ist so groß, dass man nicht mehr von „schlechten Monaten“ reden kann, sondern von einem strukturellen Dauerproblem. Der Richterbund führt das vor allem auf fehlende Köpfe zurück: bundesweit sollen etwa 2.000 Staatsanwälte und Strafrichter fehlen. Übersetzt: Es gibt mehr Arbeit, aber nicht genug Menschen, die sie zuverlässig und schnell genug abarbeiten können.

Wenn Verfahren zu lange dauern, wird es richtig brenzlig

Im Strafrecht hat Zeit eine eigene Sprengkraft. Denn bei Untersuchungshaft gelten enge Grenzen: Wenn sich Verfahren zu lange ziehen, müssen Verdächtige unter Umständen freikommen – selbst dann, wenn der Vorwurf schwer wiegt. Genau darauf verweist der Richterbund und nennt für 2025 eine konkrete Zahl an Fällen, in denen Entlassungen wegen überlanger Dauer passiert sein sollen.

Dazu passt ein bekannt gewordener Vorgang aus Berlin: Dort ging es nicht darum, dass Beweise fehlten, sondern um einen Ablauf, der schlicht nicht schnell genug abgeschlossen wurde. Ergebnis: Vorzeitige Entlassung aus der Haft, obwohl das Verfahren gravierend war. Für Betroffene ist das ein Schockmoment. Für den Staat ist es ein peinliches Signal: Nicht die Tat entscheidet, sondern die Geschwindigkeit der Akten.

Was jetzt gefordert wird – und warum „nur digitalisieren“ nicht reicht

Die Polizeigewerkschaft beschreibt die Lage als dramatisch und fordert, die gesamte Kette zu stärken: Polizei, Staatsanwaltschaften, Gerichte. Dabei wird ein Punkt auffällig klar gemacht: Technik kann unterstützen, aber sie ersetzt keine Leute. Wenn zu wenige Fachkräfte da sind, macht ein neues System den Berg höchstens hübscher, aber nicht kleiner.

Parallel kommt aus Politik und Anwaltschaft eine zweite Idee: Das System soll entlastet werden, indem bestimmte Massenverfahren nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden – etwa das Fahren ohne Ticket. Der Gedanke: Weniger Kleinstfälle binden Zeit, damit mehr Kapazität für schwere Delikte und schnellere Verfahren entsteht.

Der kritische Kommentar zum Schluss

Das Schlimmste an dieser Entwicklung ist nicht die große Zahl. Es ist die Botschaft, die sie sendet: Wer genug Geduld hat, profitiert vom Stau. Wer Opfer ist, wartet. Wer beschuldigt ist, hängt ewig in der Luft. Und der Staat wirkt wie ein Betreiber, der sein eigenes System überbucht hat. Wenn Politik den Rechtsstaat ernst meint, darf sie ihn nicht wie ein Sparprojekt behandeln. Sonst wird aus „Gerechtigkeit“ irgendwann nur noch „Bearbeitung in Reihenfolge des Eingangs“ – und das ist kein Rechtsstaat, das ist Warteschlangen-Verwaltung.

Quelle: lto.de

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